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Ich möchte Euch von einer heiligen Bruderschaft erzählen, einer Bruderschaft, die so tief geht, dass nicht einmal der kälteste Tag es vermag, die Mitglieder im Haus zu halten. Hierbei handelt es sich um die Bruderschaft der Tatanka oder Büffeljäger.

Pick-up and Buffalo

Während der kältesten Zeit des Jahres haben die Felle die beste Qualität. Es ist die Zeit, in der die Jäger zu uns kamen, als wir noch Büffel auf unserer Ranch hatten. Durch die Jagd auf die Büffel wurde mir die spezielle Verbindung zwischen ihnen und mir bewußt. Diese Erkenntnis trieb mir die Tränen in die Augen und verursachte einen Knoten in meiner Kehle. Besondere Momente waren es immer zu sehen, wie sie bei ihrer Geburt auf unserer 320 Hektar großen Ranch ihren ersten Atemzug taten und genauso, wenn sie das letzte Mal atmeten, während ich über ihnen stand. Beides hatte einen großen Einfluß auf mein Leben.

Durch diese Erfahrung bekam ich großen Respekt für den heiligen Tatanka, der während vieler Jahrhunderte gut für unsere Leute gesorgt hat. In den Augen des Büffels sah ich ein anderes Leben; das vergangene Leben der Menschen auf den großen Ebenen. Das Leben der Lakota, der Menschen, denen sich unser ONE Spirit Lebensmittelprogramm zur Hilfe verschrieben hat. Es war eine schöne Zeit, die in Filmen nicht herrüber gebracht werden kann. Durch das Leben mit den Büffeln auf unserer Ranch hatten wir unsere eigene Methode der Vermarktung unserer Tiere entwickelt. Es geschah durch die Jagd. Dergestalt kamen wir über die Runden und konnten unsere Rechnungen bezahlen. Anders gesagt, wir mußten es tun. Unsere Tätigkeit ist nicht so groß, aber sehr einträglich. Durch diese Jagden erkannte ich den Geist eines Tages und konnte feststellen, wann alles in Ordnung war. Es gab kein modernes Junkfood oder Stacheldrahtzäune auf der Prärie.

Es war gestern, als es den Leuten gut ging. Da waren Mutter Erde, alle Tiere sowie die Lakota und ihre Freunde zusammen in einem vergangenen Szenario. Es war die Vision einer Zeit, über die Großvater immer zusammen mit den anderen alten Männern gesprochen hatte. Ich wünschte mir, ich könnte etwas länger in diesem Traum verweilen, aber er verblasste allmählich. Die Realität holte mich schnell ein und ich bemerkte wieder, dass ich über einem Büffel stand, der ins Herz getroffen worden war. Der Pfeil, der in seinem Herzen steckte, bewegte sich zusammen mit den letzten Zuckungen des Herzens. Mein Jäger hatte wirklich gut getroffen. Ich stand da, sagte ein stilles Gebet und hoffte auf einen schnellen schmerzlosen Tod für den Büffel.

Sunset

Der Pfeil bewegte sich noch langsam, bis er schließlich stehen blieb. Mein Sohn sagte plötzlich etwas und ich bedeutete ihm schnell, ruhig zu sein. Ich mag es nicht, wenn jemand spricht oder wenn es Lärm in dem Moment gibt, in dem sie ihren letzten Atemzug tun. Die Tür ist offen. Ich sagte: "Shhhh!" Niemand darf jetzt sprechen, außer er hat denjenigen, die vor uns gegangen sind, in der Geisterwelt etwas mitzuteilen. Zusammen mit dem Heiligen können wir eine Nachricht senden, vorausgesetzt, wir sind demütig und lassen den Büffel wissen, dass wir sein Opfer dankbar annehmen. Wenn wir ihn darum bitten, wird er unsere Nachricht an unsere Lieben mitnehmen. Seine Seele wird zurückschauen und nicht nur uns sehen, sondern uns in Herz und Seele schauen. Aus diesem Grund haben wir uns mit einer Schwitzhütte (Inipi) auf diese Jagd vorbereitet. Während einer Büffeljagd ist es immer ein ganz spezieller Moment, wenn der Heilige zum letzten Mal atmet, ein Moment, in dem er zu mir schaut, bevor er hoffentlich in die Geisterwelt eingeht. Ich hoffe, dass er mit seinem letzten Blick seinen Bruder sieht.

Es fällt mir sehr schwer, diese Worte zu schreiben, wenn ich mir vorstelle, dass es für Euch, die Ihr dies lest, schwer zu glauben ist, aber es ist alles wahr. Es gab einmal eine Büffeljagd, bei der ein Unfall passierte und nach diesem Tag wollte ich nie wieder einen Büffel jagen. Ein anderer Büffel wurde zufällig getötet. Ich fragte mich, ob mir der Büffel wohl böse wäre. Ich brauchte eine lange Zeit, ein ganzes Jahr, bis ich über die Sache hinweg war und möchte an dieser Stelle nichts Näheres darüber erzählen. Ich möchte meinen Lesern nur vermitteln, dass ich den Büffel mehr als jeder andere heutige Lakota Jäger respektiere.

Ich denke, wenn man jemanden finden möchte, der noch mehr Respekt hat, dann muß man ca. 300 Jahre zurückgehen. Die Männer, mit denen ich meistens auf die Jagd ging, waren meine 10 und 12 Jahre alten Söhne. Sie wuchsen mit dem Büffel auf. Wir waren und sind immer noch eine Büffelfamilie und betreiben die Ranch seit mehr als 15 Jahren. Wir wurden gebeten, anderen Stammesmitgliedern die Büffeljagd zu erklären. Die Art und Weise, einen Büffel zu jagen, lernte man früher nicht durch einen Ältesten, sondern mehr durch den Instinkt. Wir haben unsere Ältesten immer um Rat gefragt, jedoch konnten sie nicht bei allen Jagden dabei sein. Es ist eine anstrengende Aufgabe. Man sagt, dass damals die Frauen die Tiere zerlegt haben. Nun, vielleicht haben sie das früher wirklich getan. Heute tun sie es jedoch nicht mehr. Meine zwei Söhne taten dies und wurden dadurch zu professionellen Schlachtern. Sie sind geübt in dieser Arbeit und bekommen hierfür gute Trinkgelder und eine gute Bezahlung.

Bamm, Truck and Buffalo

Mittels der Büffeljagden konnten wir unsere Tiere außerhalb von Auktionen verkaufen. In Crawford, Nebraska habe ich zum letzten Mal Büffel bei einer Auktion angeboten. Die Stadt ist in der Nähe von Fort Robinson, Nebraska, nicht weit von der Stelle, an der Crazy Horse ermordet wurde. Wie alle Büffelzüchter brachte ich die Tiere am Abend davor dorthin. Wir ließen sie vom Lkw runter und ein Angestellter des Auktionsplatzes brachte sie für die Nacht in einen Pferch. Als ich wegfuhr mußte ich daran denken, dass sie auf meiner Weide frei herumlaufen konnten und jetzt über Nacht eingesperrt waren. Diese Situation fand ich nicht besonders toll. Auf dem Weg nach Hause waren wir sehr still. Am nächsten Morgen standen wir sehr früh auf und fuhren zur Versteigerung. Wir bekamen am Rande mit, wie unsere Büffel durch die Laufgitter auf den Hauptplatz getrieben wurden. Der Auktionator begann mit der Versteigerung und die Interessenten gaben Gebote auf unsere heiligen Brüder, Söhne und Töchter ab. Es war sehr traurig. Ich wußte, dass ich jederzeit rufen konnte, "Ich verkaufe nicht!" und sie wieder nach Hause bringen konnte, aber wir brauchten den Erlös dringend, um offene Rechnungen zu bezahlen. Es sah ganz so aus, als würde ihr Verkauf nicht sonderlich viel einbringen. Mir kam der Gedanke, dass ich auch dann noch traurig heim fahren würde, wenn ich sie zum Höchstpreis verkaufen könnte. Dann schaute ich zu meinen Söhnen. Ich sah zwei junge Lakotas, die dabei zuschauten, wie sie unsere Büffel über den Hauptplatz trieben. Beide sahen wie Kinder aus, denen man gerade das Spielzeug weggenommen hatte. Nachdem ich ihre Blicke gesehen hatte wußte ich, dass ich diese Büffelkälber während dieser Auktion nicht verkaufen würde.

Ich sah noch eine Weile zu und dachte an das Geld. Nur deshalb waren wir hier. Heute dreht sich einfach alles ums Geld, vorausgesetzt, man läßt das zu. Wir können arm sein und ohne Geld nach Hause fahren. So sieht unser Leben ohnehin aus. Büffel zu züchten war für mich in erster Linie kein Gelderwerb, es hing vielmehr mit der Bruderschaft der Büffel zusammen. Eine heilige Bruderschaft war entstanden und wir fühlten, dass dies der richtige Weg war. Es war so traurig, unsere Büffel auf dem Hauptplatz zu sehen. Büffel neben seinem Haus zu haben, hat etwas mit Spiritualität zu tun, wieder zum Büffelmenschen zu werden. Früher waren wir das. Dann begann das Leben in der Reservation und Indianer wurden zu Viehzüchtern. Indianer wären besser Büffelzüchter als Viehzüchter geworden, da man mir immer sagte, dass wir die Büffelleute sind. Diese Worte blieben bei mir haften und wir betrieben die Büffelzucht für ca. 15 Jahre.

Dann dachte ich mir: Jetzt oder Nie und rief "Ich verkaufe nicht!" Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie mich Elliot anschaute und spürte, dass er lächelte. Wir haben sie alle wieder mit nach Hause genommen. Es wurde still auf dem Platz, als ich zu verstehen gab, dass ich nicht verkaufen würde. Vor vielen Jahren ist nicht weit von diesem Auktionsplatz ein großer Krieger namens Crazy Horse getötet worden. Er ging auf die Reise und dies bedeutete das Ende für die frei herumziehenden Leute der Prärie. Nach Crazy Horses Tod kamen die Leute auf die Reservation und konnten hier nicht mehr frei herumziehen. Es war mir nicht möglich, an diesem speziellen Platz wieder etwas enden zu lassen. Wir mußten eine Gebühr bezahlen, um unsere Büffelkälber wieder mitnehmen zu können. Dies fiel uns aber leicht, da wir wußten, dass sie wieder nach Hause kommen würden.

On the buffalo ranch

 

Vielleicht wurde diese Entscheidung von Crazy Horse beeinflußt und irgendwie hatte es auch mit ihm zu tun. Es war ein glücklicher Moment für uns, als wir die Kälber vom Lkw ließen und sie wieder über unsere Weide in die Freiheit zu ihren wartenden Müttern stürmten. Wir haben niemals wieder Büffel zu einer Auktion gebracht. Das hängt alles mit der heiligen Bruderschaft zusammen. Es ist eine Bruderschaft, die über den einzelnen Tag und unsere Familie hinausgeht. Sie begann viel früher und wir wissen, dass Crazy Horse ebenfalls ein Mitglied dieser Bruderschaft gewesen wäre. Alles was ich weiß ist, dass es für alles, was passiert, einen Grund gibt und daher die heilige Bruderschaft ins Leben gerufen wurde.

 

 

Es ist schon einige Jahre her, dass mir dies bewußt wurde und ich Zeit fand, darüber zu schreiben. Mir wurde eine besondere Ehre durch meinen Leksi (Onkel) Rick Two Dogs zuteil, der ein sehr angesehener geistiger Führer unserer Leute ist. In einer Zeremonie wurde mir die Gesellschaft der heiligen Büffel gegeben. Ich kenne niemanden, dem eine Gesellschaft gegeben wurde, daher ist dies eine große Ehre. Ich erzähle diese Geschichte, um alle wissen zu lassen, dass ich bereit bin, die Menschen über die Rückkehr des Büffels in die Ernährung unseres Stammes zu informieren, damit wir zu einer gesunden Lebensweise zurückkehren. Durch die moderne Ernährung haben wir große Probleme mit Diabetes und Übergewicht. Unsere Kinder essen Sachen aus der Mikrowelle und ungesundes Junkfood. Es ist Zeit, zur traditionellen Ernährung unseres Volkes zurückzukehren und damit den zukünftigen Generationen zu helfen. Wir bedanken uns daher ganz herzlich bei den Organisatoren und Spendern des Lebensmittelprogramms von ONE Spirit und für ihre Bemühungen, die Bedürftigen unter uns mit gesunder Nahrung zu versorgen.

 

Bericht von
ONE Spirit Beauftragter, Mitglied des Stammes der Oglala Lakota
Charles "Bamm" Brewer, Lakota Name "Nata Hinapa"