Der folgende Artikel wurde in der Zeitschrift "New Food Economy" veröffentlicht, dem Magazin für die Ernährungsbewegung:

 

Ein Schlachthaus soll die Verarbeitung von Büffelfleisch zurück in die Verantwortung der Oglala-Lakota bringen – wenn sie es denn finanzieren können.

Unter dem massiven Himmel Süddakotas reichen die Grasebenen meilenweit. Dieses harsche, majestätische Land gehört zur Pine Ridge Reservation, der zweitgrößten des Landes. Auf 2,8 Millionen Morgen Land – das sind 11.331,6 Millionen m² – im westlichen Süddakota leben 40.000 Oglala Lakota, einem Gebiet, das größer ist als Delaware und Rhode Island zusammengerechnet. Etwa 90% von ihnen haben keine Arbeit. Die Lebenserwartung ist niedriger als überall sonst in der westlichen Hemisphäre – ausgenommen Haiti. Die Raten für Diabetes, Herzerkrankungen und Adipositas liegen signifikant höher als sonst irgendwo. 

Pine Ridge Map

Aber die Lakota in Pine Ridge haben eine Ressource, die ihre Ahnen verstanden und wertgeschätzt hätten – mehr als 900 wilde Lakota Büffel, eine der letzten genetisch reinen Büffelrasse des ganzen Landes. Diese massiven Tiere repräsentieren auch heute noch, was sie den Lakota schon immer bedeutet haben: Nahrung, Wärme, Schutz und eine Verbindung zu ihren Traditionen und Überzeugungen, die aus der Zeit vor der Besiedlung durch weiße Siedler stammen. Diese Siedler vernichteten fast die gesamte Population der Büffel und vertrieben die Lakota beinahe vom Land ihrer Vorfahren.

Der Stamm schlachtet jährlich eine Handvoll Büffel. Die höchste Anzahl, die in einem Jahr einmal verarbeitet wurden, waren 60 Tiere, sagt Tom „Al“ Schneller Wolf, der Manager der Herde. Etwa 25 Bullen werden für Sonnentanz Veranstaltungen verkauft; der Rest wird an Schulen verkauft oder gespendet. Ein Büffel liefert Nahrung für etwa hundert Menschen; eine signifikant große Menge an einem Ort, wo 3000 Familien monatlich aus der Essensbank versorgt werden.

In diesem Jahr aber wird die Zahl der geschlachteten Büffel deutlich höher ausfallen, wenn alles läuft, wie geplant. Dank eines Projektes, das von One Spirit gestartet wurde, einer Organisation, die sich dafür einsetzt, dass den Lakota in Pine Ridge Lebensmittel und Wohnraum zur Verfügung stehen. Diese Gruppe hat das Schlachthaus gebaut, eine Einrichtung, in der die Lakota das Fleisch nach Stammesart verarbeiten können – und auch um möglicherweise einen geschäftlichen Verkauf für den offenen Markt zu starten und um dringend benötigte Jobs und Einkommensquellen zu schaffen. Dieser Plan ist eine faszinierende Fallstudie in der Überschneidung zwischen kulturellen Werten und Geschäftstätigkeit, aber er zeigt auch, wie wenig Geld nötig ist, um eine Revolution in einem lokalen Ernährungssystem anzustoßen und wie hart es sein kann, dieses Geld zu erwirtschaften.

Pine Ridge and Badlands

Die Pine Ridge Reservation in SÜddakota im Rand der Badlands

Die Reservation erhält ihre Büffel auf folgende Art: Technisch gesprochen gehören die Tiere der Bundesregierung, die eine Herde im Badlands National Park unterhält und füttert, von dem ein Teil auf Lakotaland liegt und vom Stamm im Co-Management verwaltet wird. Der Park kann nur eine begrenzte Anzahl an Büffeln halten. Das Ministerium für den Oglala Sioux Erholungspark kauft die überzähligen Tiere vom Badlands National Park für einen Betrag zwischen 1.000 und 1.800 Dollar pro Büffel, abhängig von seiner Größe. Die Büffel werden von den Badlands auf vier Weidegründe in Pine Ridge gebracht, wo sie von Stammesmitgliedern versorgt werden.



 Die Büffel werden vom Anfang bis zum Ende als sakrale Wesen behandelt. Nichts wird verschwendet.

 




Jäger des Stammes erschießen die Tiere in humaner Weise auf der Weide. Danach werden sie gehäutet und von Metzgern verarbeitet. Aber es gibt ein reales Kapazitätslimit. „Nicht jeder im Reservat weiß, wie Büffel verarbeitet werden oder hat ein Kühlgerät für das Fleisch, aber sie brauchen sie als Nahrung.“ Sagt Charles „Bamm“ Brewer jr., der schon den Großteil seines Lebens als Fleischverarbeiter tätig war und die Lebensmittelverteilung bei One Spirit managt.

Um die eigenen Kapazitäten zu erweitern, benötigt der Stamm einen auswärtigen Verarbeiter. Der nächst Erreichbare ist eine Stunde entfernt in Nebraska. Er berechnet den Lakota 800 Dollar pro Büffel, den die Abteilung für den Oglala Sioux Erholungspark dann an Stammesmitglieder für Sonnentänze verkauft (600 Dollar) oder an Reservatsschulen (400 Dollar) oder als Spende an bedürftige Familien gibt oder auch für Trauerfeiern oder Beerdigungen.

Das Problem für den Stamm ist nicht nur, dass die Verarbeitung der Büffel umständlich und teuer ist. Es ist der Umstand, dass wertvolles Geld aus der Reservation herausfließt – und das entreißt die Kontrolle einer empfindlichen kulturellen Aktivität aus den Händen des Stammes. 

 

Von höchster kultureller Bedeutung ist den Oglala Lakota, dass die Büffel ihr Leben für den Stamm opfern, erläutert Jeri Baker, die Geschäftsführerin von One Spirit. Während der ersten Tötungszeremonie wird sich der Jäger vor der Jagd in einer Schwitzhütten-Zeremonie seelisch reinigen. Wenn der Büffel getötet ist, folgt ein „Wopila“ oder „Dank für die Hingabe“-Gebet an ihn.

Neben dem Fleisch verwendet und gerbt der Stamm das Büffelfell - unter Verwendung der Gehirnmasse, um es weich und geschmeidig zu machen, damit es für Kleidung benutzt werden kann. Der Schädel des Tieres wird für Zeremonien verwendet und die traditionelle Taniga-Suppe aus den Innereien bereitet. Für die Oglala Lakota sind die Büffel außerdem wesentlicher Bestandteil von Weiblichkeits- und Männlichkeits-Zeremonien, Sonnentänzen, Mahnwachen, Beerdigungen und indigener Ernährung, die ebenso Hirsche, Antilopen und Traubenkirschen beinhaltet.


     

Buffalo

 Lakota Büffel - Foto von One Spirit

„Die Büffel werden vom Anfang bis zum Ende als sakrale Wesen behandelt. Nichts wird verschwendet,“ sagt Baker.

Die Verarbeitung der Büffel auf der Reservation ermöglicht dem Stamm zudem die Kontrolle darüber, wie das fertige Produkt aussieht, erklärt Brewer. „Wir müssen es einfach auf unsere Weise machen.“

Meat House Construction

Gerüst des Schlachtshauses - Foto von One Spirit

Der Wirtschaftsplan für die Fleischverarbeitung ist in Bearbeitung. Das Projekt hat schon jetzt Jobs schaffen können – während der Aufbauphase werden bereits Stammesmitglieder ausgebildet – und es werden weitere Metzger eingestellt, wenn das Haus eröffnet wird. Zukünftig werden so auch Gebühren für auswertige Betriebe eingespart. Als eine Gemeinschaft, die gewohnt ist zu teilen, sieht der Stamm sein Ziel darin, die Nahrungsbedürfnisse aller zu decken. Es geht hingegen weniger darum, eine Ware zu vermarkten, die der Tradition nach eine Schlüsselkomponente der eigenen Kultur darstellt.

Bamm Brewer
Bamm Brewer, Leiter des Lebensmittelprogramms von One Spirit

 

Trotzdem besteht auch die Hoffnung, dass das Schlachthaus dem Stamm die Möglichkeit gibt, Umsatz zu machen. Der Trend zu Büffelfleisch im Lebensmittelkonsum steigt, weil es biologisch produziert wird durch reine Grasfütterung und dazu wenig Kalorien und Fett enthält. Laut der National Bison Association ist es außerdem eine Industrie, in der sich 340 Millionen US Dollar pro Jahr verdienen lassen, woran der Stamm seinen Anteil haben möchte.

 

 

„Eines der Ziele die sie haben, ist es, eine Lakota Fleischmarke auf der Markt zu bringen.“ sagt Baker.

Mit diesem Hintergrund zielt One Spirit darauf, dass die Einrichtung die Anerkennung des US Landwirtschaftsministeriums erhält – ein unbedingtes Muss, wenn Fleisch auf dem freien Markt angeboten werden soll.

Brewer, der mit dem Ministerium in Telefonkontakt steht sagt, dass ein staatlicher Tierverarbeitungsinspektor schon mehrfach vor Ort war, um sicherzustellen, dass die Vorschriften eingehalten werden. Der nächste Schritt wird eine persönliche Inspektion von Seiten des Ministeriums sein. 

Wenn das Schlachthaus die Inspektion besteht, wird der Stamm der Lakota einer der einzigen der Region sein, der über eine vom Landwirtschaftsministerium genehmigte Einrichtung dieser Art verfügt. Einnahmen, die der Betrieb abwirft, werden im Anschluss darin investiert, um ihn zu vergrößern. Wenn der Geschäftsbetrieb genug Profit einbringt, wird eine Stiftung für die Stammesmitglieder der Lakota eingerichtet.

„In der Vergangenheit waren wir ein Jägervolk, das Fleisch verarbeitete,“ sagt Brewer. „Das nun auf dem Level des Landwirtschaftsministeriums zu betreiben, kommt mir verflixt cool vor!“

 

Das Schlachthaus wird Erfolg haben. Einrichtungen, die von Natives geführt werden, müssen eine Menge Hindernisse überwinden, bevor sie starten können. Einer Studie der Ewing Marion Kauffman Foundation zufolge sind Reservationen in isolierten Gebieten zu weit entfernt von ihren Kunden, was die Kosten für solche Unternehmen in die Höhe treibt. Andere Hindernisse sind der Mangel an Business Mentoren und inkonsistente und sich ständig ändernde Regeln für Stammesunternehmer, besagt die Studie.




Das ist der Lebenskreis des Büffels. Er wurde hier geboren, er lebte sein ganzes Leben hier. Der Kreis der Büffel-Nation hingegen ist durchbrochen. Wir brauchen keinen weißen Mann, um ihn zu verarbeiten.



 

Grundsätzlich ist immer noch nicht klar, wie schnell One Spirit die Einrichtung fertigbauen wird oder ob sie überhaupt gebaut werden kann. Das Schlachthaus ist ein Low-Budget Projekt. Die erste Phase der Konstruktion, die daraus bestand, die äußere Hülle des Gebäudes, die Wasserversorgung und befestigte Wege zu erstellen, kostete 30.000 Dollar, die hauptsächlich aus Spenden stammen.

Die noch anstehenden Arbeiten – die Elektro-Installation, Wärmedämmung, die Inneneinrichtung, die Installation der Faulgrube, ein begehbarer Kühlschrank und ein Kühlsystem – wird erwartungsgemäß nochmal 25.000 Dollar kosten, ungefähr der Wert eines Pickup Trucks.

Der Stamm hat im September 2015 eine Spendenkampagne gestartet. Bisher wurden 1.030 Dollar eingenommen. 

“Unser Hauptanliegen ist es, die Menschen zu ernähren und unsere eigenen Büffel zu verarbeiten,” sagt Brewer. „Es ist schwer, Lebensmittel zu erwerben, weil es keine Jobs gibt.“

Aber es ist unbestritten, dass der Stamm in erster Linie nicht-ökonomische Ziele hat.

„Das ist der Lebenskreis des Büffels. Er wurde hier geboren, er lebte sein ganzes Leben hier. Der Kreis der Büffelnation ist zerbrochen. Wir brauchen ihn nicht zum weißen Mann zu bringen, um ihn verarbeiten zu lassen,“ sagt Brewer. „Das Lakota Schlachthaus wird den Kreis vervollkommnen.“

 

 

Der Artikel wurde von Stefani Kim geschrieben. Sie hat erst kürzlich ihren Master-Abschluß in Journalismus an der CUNY Graduate School of Journalism gemacht. Sie interessiert sich für Themen rund um die Selbstversorgung mit Lebensmitteln, Landwirtschaft und die Umwelt. Sie hat schon einige Artikel über die Selbstversorgung von Indianern geschrieben, außerdem über Schweinefarmen in China und über chinesische Einwanderer, die in Brooklyn leben. Ihre Artikel wurden im Native People's Magazine, China File und Voices of New York veröffentlicht.
http://newfoodeconomy.com | New Food Economy, the business magazine of the food movement.

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