"... öffnete meine Augen für den wahren Geist unter den Menschen"

Bei Rosie

Bei der Singing Horse Trading Post / Photo von Frank Deak

Reisen sind aufschlussreich; basierend auf Zeitungsartikeln und den vorangegangenen Erfahrungen anderer sind wir voller Erwartungen auf neue Begegnungen. Jedoch wie bei einem Künstler vor seiner Leinwand können wir nicht erahnen, wie das fertige Produkt wohl aussehen wird und wie es auf andere wirken wird, wenn der letzte Pinselstrich einmal ausgeführt ist. Das waren meine Erwartungen, als ich mit meinem Bruder Frank Deak zur Pine Ridge Indianer Reservation in die Prärien Süddakotas reiste.

Zur Vorbereitung in das Eintauchen in eine Kultur, die so anders als die meine ist, las ich alles, was ich in die Finger kriegen konnte. Es ist traurig, dass sich alle Informationen, die ich sammelte, auf die schrecklichen sozialen und wirtschaftlichen Umstände auf der Reservation bezogen. Aus der Ferne betrachtet schien das Reservat ein Land voller Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung zu sein, ein Land, das vom Rest der Welt vergessen wurde. Mit jedem Stück, das ich las, wurde ich neugieriger, was ich wohl entdecken würde. Ob die Unterschiede zwischen den Lakota und mir so riesig sein würden wie die Meilen und Meilen von Prärie zwischen hier und dort oder würden wir feststellen, dass wir uns am Ende nicht unterscheiden? Die Antwort erhielt ich am letzten Tag meiner Reise auf einem Hügel, der in meinem Herzen immer etwas Heiliges sein wird.

Badlands

Badlands / Photo von Frank Deak

Ich  komme aus der wundervollen, bewaldeten Gegend der Adirondacks und daher fiel mir der Unterschied in der Landschaft deutlich auf, als wir durch die Badlands nach Pine Ridge fuhren. Zerstörung, das Fehlen von Vegetation und die Warnung vor Klapperschlangen erhöhten meinen Eindruck fremd zu sein. Reste verlassener Gebäude und Grashütten auf der Prärie aus früheren Zeiten veranschaulichten den Pioniergeist eines Überlebens in harten und isolierten Bedingungen. 

Altes Haus auf der Prärie

Altes Haus auf der Prärie / Photo von Frank Deak

Eine Straße führte zur nächsten, viele Meilen trennten jede Stadt von einer anderen auf der Reservation, bis wir endlich zur Singing Horse Trading Post ankamen, unserer Ausgangsbasis für die Zeit unseres Besuchs. Es ist schwierig, die Gastfreundschaft und die einladenden Räumlichkeiten der Trading Post, die Rosie Freier gehört und von ihr geführt wird, zu beschreiben. Sobald ich in die Trading Post eintrat, fühlte ich mich willkommen und zu Hause. Mit ihren nur 1,50 m Körpergröße kann Rosie Vieh brandzeichnen, die Buchführung stemmen, einen Zaun bauen, an der Seite der zähesten indianischen Ältesten ein Pferd reiten, um nur einige ihrer erstaunlichen Talente zu nennen. Was Rosie an körperlicher Größe fehlen mag, gleicht sie mit ihrem Willen, ihrer Vitalität, ihrem Geist und ihrer Liebe für die Lakota und ihre Kultur wieder aus.

Vor Rosies Laden

Vor Rosies Laden / Photo mit Genehmigung von Singinghorse.net

Was Singing Horse so einmalig für Pine Ridge macht sind nicht der handgearbeitete Schmuck und die Kunstgegenstände, die von Besuchern erworben werden können; es ist die Gemeinschaft der Ältesten und ihre Bereitschaft, nicht nur ihre Mühen sondern auch ihre Freuden zu teilen und auch die Geschichten des Stammes. Die Kultur der Ureinwohner ist mehr eine mündlichen Kultur denn eine geschriebene und daher sprechen sie mit großem Stolz von den Ältesten der Vergangenheit. Das Herz der Trading Post liegt um einen Picknicktisch herum, der mitten im Laden steht, und ist ein Kern für Zusammentreffen und Freundschaft, geteilte Geschichten, Kaffee und was immer Rosie an dem Tag gerade kocht. Großzügigkeit ist wichtig und beginnt mit der Free Box, wo Kleiderspenden bereitgestellt werden. Mir wurde klar, dass die Welt Pine Ridge keinen guten Dienst erweist, wenn es als dunkel und trostlos dargestellt wird, denn um diesen Tisch herum hörte ich Leben, Freude und Feiern. Es ist schwierig, Herz und Seele des Reservats in seiner Gänze zu begreifen. Ich bin davon überzeugt, dass alle Daten und Statistiken in der Welt es nicht ersetzen können, als Gast empfangen zu werden und innerhalb der Kultur zu leben.

Indian Action Garage

In der Indian Action Garage (Lebensmittelverteilzentrum) / Photo von Frank Deak

Meine Reise in die Reservation öffnete meine Augen für den wahren Geist unter den Menschen, die dort leben; einen Geist, der fest zum Leben einer starken, einfallsreichen und souveränen Nation gehört. Dies wurde auch augenscheinlich durch die Begegnung mit Jeri Baker, der Direktorin von One Spirit. One Spirit ist eine Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Menschen auf der Reservation zu helfen souverän und autark zu bleiben. Anstatt eine Sphäre der Ohnmacht zu schaffen, bietet One Spirit die Möglichkeit, Programme zu starten wie das Allen Youth Center und das Pine Ridge Essensprogramm. One Spirit hört sich an, was die größten Bedürfnisse der Menschen sind und verwendet deren Ressourcen um einen Weg zu finden, diese Bedürfnisse zu stillen. Das Schöne an One Spirit und was es so einzigartig macht ist das Ziel, die Programme in Zukunft an die Ureinwohner zu übergeben. 

Eins der Programme, die von One Spirit aus der Taufe gehoben wurden, ist das Allen Jugendzentrum in der Kleinstadt Allen. Waylon Gaddie, der Direktor des Zentrums, hat die Vision, dass das Center ein Totem der Souveränität und Stärke sein möge, ein Platz, wo indianische Kinder lernen können ihren Stolz darüber, wer sie sind, zurückzugewinnen und ihnen die Traditionen der Lakota gelehrt werden können. Das Zentrum befähigt die Kinder akademisch und relational alles zu sein, was sie können, oder wie Waylon sagt: “Stolze Krieger mit erhobenem Haupt.“ Das Allen Jugendzentrum versorgt die Kinder mit erzieherischer Unterstützung, in dem sie gelehrt werden, ihren Geist zu erweitern durch Aktivitäten wie Kuchen backen und ihre Stammessprache zu lernen, ein Pferd zu reiten und an einem Powwow teilzunehmen. Der grundlegende rote Faden für alles, was im Zentrum passiert, sind der Respekt für die Ältesten und der Schutz für die Kultur, die sie repräsentieren. Das Zentrum bietet den Kindern einen Ort für einen Neuanfang, einen Ort der Wiedergeburt, Heilung und Hoffnung für das, was sie sind.

Logo Allen Jugendzentrum

Logo des Jugendzentrums in Allen

Von Allen aus fuhren wir weiter in südwestlicher Richtung auf der Suche nach Bamm Brewer und landeten dabei sehr schnell auf einer unbefestigten Straße, die noch dazu in sehr schlechtem Zustand war. Inmitten der Prärie und umgeben von Alpakas, Hunden und Büffeln hat Bamm die Vision, die Lakota autark zu machen, indem ihnen ein Schlachthaus für Büffel zur Verfügung gestellt wird.
Im Gegensatz zur Massenproduktion von Lebensmitteln und der Konsumorientierung der meisten Amerikaner empfinden Indianer nach wie vor Dankbarkeit gegenüber dem Büffel, der ihre Familien mit allem Lebensnotwendigen versorgt. Dies zeigt sich deutlich in den vor der Jagd abgehaltenen heiligen Ritualen. Zweifellos hat Bamm eine Liebe und einen Respekt für die Büffel, die weit über ihre Bedeutung als Essenslieferanten hinausgeht. Bamm lagert Lebensmittel und arbeitet darüber hinaus mit One Spirit zusammen, um einmal im Monat Bedürftige mit Lebensmitteln zu versorgen. Sich als Freiwilliger für die Auslieferung der Lebensmittelboxen auf der Reservation zur Verfügung zu stellen, ist nichts für Weicheier. Es ist keine leichte Aufgabe, da die Entfernungen zwischen den einzelnen Empfängern teilweise sehr groß sind, die Straßen größtenteils in schlechtem Zustand sind und bei bestimmten Wetterlagen unpassierbar werden. Allerdings hängt das Überleben der Familien, die weit weg von den Hauptstraßen leben und kein Auto haben, von diesen Lebensmittellieferungen ab.

Für mich war es interessant zu erfahren, dass, obwohl zwischen den einzelnen Nachbarn auf der Reservation meilenweit nur leere Prärie ist, doch eine Verbindung besteht, die die Menschen zusammenbringt, wenn es nötig ist. Die Verbindung zwischen den Haushalten wird durch eine lokale Radiostation ermöglicht, die wichtige Informationen wie Todesfälle oder die Auslieferung gespendeter Waren weitergibt.

Pferde

Pferde / Photo von Lisa Knouff

Als ich zum ersten Mal zur Singing Horse Trading Post kam, schlug Rosie vor, ich solle auf den Hügel hinter dem Haus steigen. Sie sagte, von dort gäbe es eine sehr schöne Aussicht, die ich hier vom Haus aus nicht hätte. Ich hatte vergessen, meine Stiefel mitzubringen und da überall vor Klapperschlangen gewarnt wurde, zögerte ich zunächst, mit normalen Laufschuhen durch das hohe Gras zu laufen. Ich hoffte, dass Rosie ihren Vorschlag wieder vergaß.

Am letzten Tag meines Besuchs fragte mich Rosie, ob ich denn schon auf dem Hügel gewesen wäre, was ich verneinte. Rosie meinte nur, sie würde sich ein Paar Stiefel anziehen und zusammen mit mir auf den Hügel gehen. Als ich erklärte, dass ich keine Stiefel mitgebracht hatte, meinte Rosie nur, dass sie mir vorangehen und alles verscheuchen würde, was mich evtl. beißen könnte. Ich mußte daran denken, wie oft wir doch versuchen, Neues zu vermeiden oder unbekannte Orte nicht aufsuchen, nur weil wir Angst haben. Wäre ich Rosie nicht gefolgt, sondern hätte meiner Angst nachgegeben, hätte ich die atemberaubende Aussicht verpaßt, von der sie gesprochen hatte.

Auf unserem Weg zeigte mir Rosie die kleinsten Wildblumen, Yuccas und Kakteen. Sie meinte, wenn man aus der Entfernung schaut, sieht alles braun und dreckig aus. Die versteckte Schönheit der Prärie findet man erst, wenn man sich zu Fuß aufmacht. Ich spürte, dass etwas Heiliges meine Seele berührte. Rosie war ganz in ihrem Element. Ich lernte, dass wir erst dann anfangen, die ganze Schönheit zu sehen, wenn wir den Mut haben, den Weg mit Menschen zu gehen, die sich von uns unterscheiden. Ich hatte genug Vertrauen in Rosie, ihr zu folgen; sie führte mich umsichtig und zusammen mit ihr entdeckte ich den versteckten Schatz dieses tollen und für mich neuen Aussichtspunkts.

Wegen all der negativen Meldungen über Pine Ridge war ich vor meiner Reise dorthin etwas nervös. Nachdem ich aber zwischen Indianern gelebt habe, habe ich erkannt, dass wir nur das sehen, was wir sehen wollen. Ja, es ist wahr, Pine Ridge bietet viele Herausforderungen, aber es gibt auch noch andere Orte, die in einer ähnlichen Situation sind. Ich habe eine Kultur entdeckt, die sich weigert, sich zerbrechen zu lassen. Die Lakota Sioux sind stolz auf ihr Erbe und wollen das, was sie verloren haben, wieder auferstehen lassen. Der Leiter des Jugendzentrums nannte es ein Totem der Hoffnung und Eigenständigkeit, ein Symbol der Wiederentdeckung dessen, wer sie sind. Für mich persönlich hat die indianische Kultur meinen Glauben bestärkt, dass solange Hoffnung besteht, ein Neuanfang immer wieder möglich sein wird. Die Reise nach Süddakota war auch noch eine sachte Erinnerung daran, dass wir so unterschiedlich gar nicht sind und wir die Stärke haben, das Leben anderer Menschen zum Guten zu wenden, wenn wir, wie Rosie sagt, genau hinschauen, um die Blumen zu sehen. Ich nehme viele Segnungen mit nach Hause.

Ich bekam einen neuen Sinn für Stille, Frieden, Gnade und Ausgeglichenheit während ich bei den Menschen in Pine Ridge lebte und sie werden daher immer einen Platz in meinem Herzen haben.

~Penny Lacy

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