Runners arrived Standing Rock

Freitag, 4. November. Sie sind jetzt schon seit Tagen gerannt- durch das Gebirge und durch die Prärie, über Hochebenen und durch die Wüste, um so ihre Solidarität mit Standing Rock zu zeigen, auf den Protest der Indianer aufmerksam zu machen und um das Wasser zu beschützen. Sie sind kurz vor dem Ziel, sie sind kurz vor Standing Rock!

 
Und sie sind müde! Montgomery Brown, ein Läufer aus Standing Rock, der sich der Gruppe angeschlossen hat, textete am Freitagabend: „Das war ein langer Tag mit sehr frühem Beginn.“ Und ging dann früh schlafen. Morgen (Samstag) ist der große Tag, an dem die Läufer das Camp erreichen werden.

Vor 3 Tagen machten sie abends Halt in einer kleinen Stadt und wollten im Hotel übernachten. Der Manager sagte ihnen, dies sei „Öl-Land“ und sie würden hier nicht hingehören. Er empfahl ihnen außerdem, sich solange nicht blicken zu lassen, bis die anderen Gäste am nächsten Morgen das Hotel verlassen hätten!

Die Läufer kamen dann mit ihrem Betreuer Ricky Gray Grass im Kreis zusammen um zu beten, so wie jeden Abend. Sie beteten. Sie reichten sich die Hände. Kurze Zeit später erschien ein Polizist und sagte zu Gray Grass, dass der Hotelbesitzer, der Manager und die anderen Gäste alle die Polizei angerufen hätten um zu melden, dass da eine Gruppe „verdächtige Aktivitäten“ treibe. (Sie hatten gebetet.) Darum, so meinte der Polizist, sei es besser, sie würden die Stadt jetzt verlassen und in der nächsten Stadt, 40 Meilen entfernt, unterkommen.

Aber Gray Grass bat seine Läufer, in die Zimmer zu gehen und sich bis zum nächsten Morgen still zu verhalten.

Wie kann man nur solche mutigen und guten jungen Menschen, die sich für andere einsetzen, so behandeln?!

Am nächsten Morgen telefonierten wir mit Gray Grass um zu erfahren, ob in der Nacht alles gut gegangen war, ob er und die Läufer ok seien. Er antwortete nur lapidar: „Oh, ich habe für den Hotelbesitzer, den Polizisten und den Manager gebetet. Uns geht es gut.“ Er hat gebetet- für die Menschen, die sie verdächtigt hatten!!

Und die Läufer haben einfach weiter gemacht, mit aller Kraft die Straßen entlang, Meile für Meile- so als sei nichts gewesen! Sie sind Krieger. Einer von ihnen ist Trevor Standing-Soldier (Trevor Soldat-der-steht), ein 21 Jahre alter Lakota-Oglala. Wir haben ihn gefragt, warum dieser 500-Meilen-Lauf nach Standing Rock so wichtig für ihn ist. Er antwortete: „Er ist so wichtig für mich, weil wir Wasser brauchen. Jeder braucht Wasser. Ich laufe mit, weil ich diesen Jungen aus Arizona (er meint Riley Ortega, den 15jährigen, der den Lauf initiierte) unterstützen will. Und ich tue es, weil Wasser Leben heißt. Es ist so wichtig. Das ist nicht nur eine Sache der Ureinwohner- das hier geht alle Menschen an! Deshalb laufen wir.“

 

Kommentar von One Spirit Deutschland:

Diese mutigen jungen Leute sind nicht die Einzigen, die sich für einen Stop des Pipelinebaues einsetzen. Mittlerweile leben ca. 7000 Menschen, Indianer verschiedener Stämme und Weiße im Protestcamp in Standing Rock. In Norddakota herrscht jetzt schon Winter, es schneit und der Wind weht eisig. Die „Protectors“, also Beschützer, wie sie sich selbst nennen, harren in Zelten und selbst gebauten Hütten aus- bei Minustemperaturen! Aber der Kampf mit dem Wetter ist nicht das Schlimmste: die Indianer sind immer mehr Repressalien von Seiten der Staatsgewalt ausgesetzt. Immer mehr bewaffnete Einheiten von Polizei, Armee und Bundespolizei in schwerer Einsatzkleidung wird um das Camp zusammengezogen, ebenso Wasserwerfer und leichte Panzer! Bisher wurden ca. 200 Demonstranten verhaftet. Die Anklagen waren teilweise so haarsträubend und ohne jegliche rechtliche Grundlage, dass die betreffenden Personen am nächsten Tag wieder entlassen und die Anklage fallen gelassen wurde. Viele sind aber noch im Gefängnis oder warten auf einen Prozess wegen „Landfriedensbruch, Aufruhr, Anstachelung zum Aufruhr, Widerstand gegen die Staatsgewalt“, Delikte, die mit hohen Freiheitsstrafen geahndet werden können. Bei den Verhaftungen gehen die Polizisten mit unverhältnismäßiger Gewalt vor; der Einsatz von Pfefferspray, Schlagstöcken und Gummigeschossen ist Standard. Zur Erinnerung – wir reden hier von Indianern, die auf große und reelle Umweltgefahren hinweisen (Leckagen der Pipeline würden einen nahen Stausee und den Missouri verschmutzen und damit das Trinkwasser von 18 Mio. Menschen), die für sie heilige Orte und Begräbnisplätze kämpfen (wir würden auch nicht wollen, dass man den Kölner Dom abreißt und den Friedhof, auf dem unsere Eltern liegen, umpflügt, um da eine Erdölleitung zu verlegen) und dies friedlich tun! Mit Gebeten und Tänzen und Gesang!! Es gibt Videos, die zeigen, wie friedliche Demonstranten ohne Waffen, die singen und beten mit Salbeibündeln in den Händen- ganz vorn die Großmütter- einfach ohne ersichtlichen Grund von Polizisten mit Pfefferspray und Schlagstöcken auseinandergetrieben werden! Im Gefängnis werden die Verhafteten gegen jegliches Recht wie Schwerverbrecher behandelt- dies beinhaltet unter anderem eine nackte Untersuchung, dies wird sonst nur bei Kriminellen, die in schwere Delikte verwickelt sind, durchgeführt und ist nach amerikanischem Recht illegal!! Es gibt Videos, die zeigen wie private Sicherheitsdienste mit Kampfhunden auf friedliche Demonstranten losgehen- die Polizei unternimmt nichts. In dem Land, dass sich so für seine Verfassung, seine Bürgerrechte -zum Bsp. die Redefreiheit- rühmt, scheinen die Indianer nach wie vor Menschen 2. Klasse zu sein. Sie stehen den Interessen eines milliardenschweren Großkonzerns im Weg und werden daher erbittert bekämpft; es wird alles versucht, sie mundtot zu machen.

Glücklicherweise haben jetzt einige Prominente wie Robert Redford zu Unterstützung der Indianer aufgerufen; der Schauspieler Mark Gruffalo hat einen Trailer mit Sonnenkollektoren für die Stromversorgung des Camps gespendet. Für Aufsehen sorgte auch die Verhaftung der Schauspielerin Shailene Woodley (bekannt als George Clooneys Tochter in „The Descendants“ und als Hazel in „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“). Sie war zum Camp gereist und hatte gemeinsam mit den Indianern friedlich demonstriert. Sie wurde nach ihrer Verhaftung ebenfalls gezwungen, sich komplett zu entkleiden und Gefängniskleidung anzuziehen. Sie schilderte die Geschehnisse ausführlich in den Medien und prangerte das Verhalten Amerikas gegenüber seinen Ureinwohnern, die nur ihre Kultur, ihre Identität und ihre Umwelt schützen wollen und dafür mit massiven Anfeindungen, Missachtung und Gewalt bestraft werden, scharf an.

Präsident Barack Obama, beim Kampf gegen den Rassismus gegen Schwarze in den USA und bei den Märschen „Black lives matter“ noch an vorderster Front, brach erst jetzt (die Proteste begannen im April 2016) sein Schweigen und kündigte an, die Ingenieure würden prüfen, ob es eine Möglichkeit einer veränderten Streckenführung der Pipeline um die heiligen Orte der Lakota herum gäbe. Allerdings wurden erste Begräbnisstätten am 03. September bereits prophylaktisch zerstört. Zu der massiven Polizeigewalt und den wiederholten und dokumentierten Rechtsbrüchen durch Staatsbedienstete sagte er aber nichts.

Zu Beginn ging es den Standing Rock Lakota um die Bewahrung ihrer Kultur, das Verhindern der Zerstörung ihrer Friedhöfe und Sonnentanzplätze und um den Schutz des Trinkwassers. Mittlerweile ist es aber auch ein Kampf für die Rechte der Indianer. Werden sie – über 100 Jahre nach Wounded Knee - endlich gehört? Gesteht man ihnen ihre Bürgerrechte zu? Nimmt man ihre kulturellen und spirituellen Ansichten wahr und ernst? Erkennt man ihre reiche Kultur? Hört man sie und ihre Bedenken ernsthaft an, haben sie eine Stimme? Momentan muss man, dem Vorgehen der Behörden nach, daran zweifeln…

Daher haben sich auch Indianer vieler anderer Stämme dem Protest angeschlossen. Sie alle kämpfen gegen dieselben Probleme: Ihne heilige Orte, Sonnentanzplätze oder Begräbnisstätten sollen verschwinden, da wirtschaftliche Interessen bestehen: z. B. das Volk der  Menominee kämpft gegen eine Goldmine, die auf ihrer Reservation direkt am Menominee-River entstehen soll. Dieser Fluß ist ihnen heilig. Nach ihrem Glauben ist er der Ursprung ihres Stammes. Die Mine soll keine 150 Meter entfernt vom Fluß liegen; die Chemikalien und Abwässer sollen in den Fluß geleitet werden. Solche Beispiele gibt es leider noch viele; auch in Südamerika kämpfen die Amazonas-Völker mit ähnlichen Problemen. Daher war der Protest in Standing Rock wie ein Signal für die anderen Stämme: sie kamen, um ihre Unterstützung zu zeigen und endlich eine gerechte Behandlung der Ureinwohner des Landes zu fordern und ein für alle Mal die Frage zu klären: müssen die Indianer, wie in den Jahrhunderten zuvor, wieder zurückweichen? Sind ihre Interessen, ihr Glaube, ihre Kultur in diesem Land nichts wert? Zählen die Interessen von globalen Konzernen mehr als die Interessen eines Volkes? Daher werden die Indianer in diesem Camp ausharren, auch bei Schneestürmen und Eiseskälte, denn es ist seit mehr als hundert Jahren der größte Widerstand der Indianer in den USA!

Damit kämpfen die Indianer aber nicht nur für sich und ihre Interessen. Vielmehr ist die Trinkwasserversorgung von 18 Millionen Menschen in den USA in Gefahr - darauf weisen sie hin. Damit sind sie ja eigentlich Umweltaktivisten! Ganz wichtig ist aber auch die andere Frage, die uns alle, weltweit, angeht: Wer bestimmt darüber, in welcher Umwelt und wie wir leben? Wir? Oder zählen die Interessen multinationaler Großkonzerne mehr als die Menschen? Sollte eine Regierung/die Behörden/die Polizei nicht die Menschen schützen – oder die Wirtschaftsinteressen großer Konzerne?? Das sind Fragen, die auch für uns hier in Deutschland relevant sind – nur dass wir auf die Straße gehen und demonstrieren können, ohne dass Hunde auf uns gehetzt und mit Gummigeschossen auf uns geschossen wird!

Die Indianer Nordamerikas haben dieses Glück leider nicht- bitte unterstützen Sie sie daher! Unterschreiben Sie die Petition auf change.org gegen den Pipelinebau. Erzählen Sie Freunden und Bekannten von der Situation in Standing Rock, weisen Sie sie auf die Petition hin. Schreiben Sie an lokale Zeitungen oder Fernsehsender, um sie auf die Geschehnisse hinzuweisen und um Berichterstattung zu bitten - man findet in Europa kaum bis gar keine Berichterstattung! Vielen Dank!

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