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 Adler

Jetzt ist der Sommer im Land der Lakota angekommen und es ist einfach schön. Wenn ich mich im Gebiet der großen Oglala Lakota Nation umschaue, spüre ich den Geist längst vergangener Zeiten. So wie es im Leben manchmal abwärts geht, kann es auch ganz schnell wieder aufwärts gehen. Jeden Monat am Lebensmitteltag passieren irgendwelche guten und manchmal auch skurrilen Geschichten und ab und zu gelingt es mir, einen ruhigen Platz zu finden, um diese aufzuschreiben und weiterzugeben.

Hier habe ich wieder so eine: Sie beginnt vor langer Zeit, als ich gerade anfing, für das Lebensmittelprogramm von One Spirit zu arbeiten. Eines Tages fuhr draußen vor unserem Verteilzentrum ein Auto vor. Es war gerade Lebensmitteltag und wir waren alle sehr beschäftigt damit, die Boxen zu füllen, sie auf die Pick-ups zu laden und zuzustellen. Der Wagen hielt direkt vor der Eingangstür. Der Fahrer blieb sitzen und rief meinen Namen. Ich ging zu ihm hin, sah, dass ein Mann im Auto saß und während ich so mit ihm sprach, stellte ich plötzlich fest, dass er keine Beine hatte. Ich bemerkte, dass er einen Stock bei sich hatte, mit dem er das Gas- und das Bremspedal bediente (Anmerkung: in den USA gibt es kaum Autos mit Kupplung, die meisten haben Automatikgetriebe). Ich fragte ihn, ob er zurecht käme und er antwortete mir mit einem Lächeln: "Kein Problem, ich muß meine Familie ernähren." Wir gaben ihm eine Lebensmittelbox und nachdem wir noch ein paar Witze ausgetauscht haben, fuhr er wieder fort.

Ich schaute ihm hinterher als er fortfuhr und bewunderte seine Entschlossenheit, mit den Widrigkeiten, die das Leben für ihn bereithielt, fertigzuwerden. Ein Mann ohne Beine, aber genug Entschlußkraft, wird immer einen Weg finden, um zum Verteilzentrum zu kommen und Lebensmittel für seine Familie zu erhalten. Da er das geschafft hatte, mache ich jede Wette, dass er auch mit den anderen Schwierigkeiten, die das Leben auf der Reservation so mit sich bringt, klar kommt. Er hat ein tolles Beispiel gegeben – niemals aufzugeben und daran zu denken, dass es immer einen Weg gibt. Er fuhr sehr langsam und es sah so aus, als würde er sicher fahren. Nachdem er außer Sichtweite war, stand ich immer noch da. Ich wünschte, es gäbe hier noch mehr Leute wie ihn. Wir können von dem Mann ohne Beine viel lernen. Er weiß ganz bestimmt, wie man wie ein Adler fliegen kann.

Am Lebensmitteltag vor ein paar Monaten war ich wieder im Verteilzentrum und plötzlich kam dieser Mann hereingelaufen. Er hatte künstliche Beine. Er lächelte und erzählte mir die Geschichte, wann und wie er sie bekommen hatte. Sie können über MediCAD besorgt werden, aber er zögerte zunächst. Die Gebietskoordinatorin drängte ihn dazu, sie zu probieren. Als sie starb beschloß er, sie im Gedenken an sie auszuprobieren. One Spirit bezahlte die Zustellung für ihn, er bekam die künstlichen Beine und ging zur Physiotherapie.
Letzten Samstag kam er zurück und konnte laufen. Wie er so auf mich zukam fragte ich ihn: "Wie ist das Fahrwerk?" Er schaute mich mit einem breiten Lächeln an, das mir zeigte, dass er ganz genau wußte, wovon ich sprach.

Laßt uns heute alle wie Adler fliegen
meint Bamm Brewer